Man tippt nicht daneben, wenn man das erste Viertel des Vereins-Jahrhunderts, die Zeit von der Gründung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als Jahre des Aufbaues bezeichnet; ein Aufbau, der bereits von Höhepunkten, aber auch von vielen Rückschlägen begleitet war. Wie gesagt: Geld war Mangelware! Der Mitgliederbestand konnte nur schleppend vergrößert werden, und die Vereinskasse quoll auch nicht über. Für notwendige Anschaffungen benötigte die Vereinsführung einen langen Atem. Turngeräte hatten auch damals schon ihren Preis. Sie mußten aber beschafft werden, wenn der Turnbetrieb Erfolge nachweisen wollte. Man konnte nicht immer nur mit Hanteln und Kugeln üben und darauf vertrauen, daß auch Freiübungen den Funken des Mitmachens zündeten. Ebenso nährte das permanente Üben in einem Gasthaus-Saal den Wunsch zum Bau einer vereinseigenen Turnhalle.
Bis zur Befriedigung aller anstehenden Wünsche weckte der Verein mit weniger kostspieligen Präsentationen die Aufmerksamkeit im Dorfe. Leider wurde manches vom Spott der Abseitsstehenden überschattet, was die Aktiven aber mit Gelassenheit hinnahmen. Vereinswanderungen paarten sich mit den turnerischen Aktivitäten, welche in einem Turnstundenbuch aufgezeichnet wurden, das nach vorliegenden Unterlagen bis zum Jahre 1914, dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, geführt wurde. Dem Buch ist nichts Dramatisches zu entnehmen. Die Vermerke lassen auf eine gleichbleibende Zahl der Aktiven schließen. So hält der Eintrag vom 8. Dezember 1891 fest, daß
"25 Turner in zwei Riegen angetreten waren, die von 4-6 Vorturnern angeleitet wurden".
Der letzte Eintrag nennt als Datum den 28. Juli 1914. Geturnt wurde an diesem Tag in drei Riegen mit 30 Turnern. An der Stabübung beteiligten sich 16 Turner. Dank dieses Turnstundenbuches weiß man heute die Namen der "Männer der ersten Stunde". Hier erscheinen Familiennamen, die zum großen Teil noch in Dossenheim präsent sind: Apfel, Brecht, Bauer, Bähr, Brunner, Eberle, Flemming, Gehrig, Groß, Günther, Huber, Horsch, Hoffmann, Heckmann, Hermann, Harbarth, Heiss, Kraft, Kunkel, Kirsch, Lorentz, Merkel, Meisel, Möll. Michelhans, Nassauer, Pfeifer, Röscher, Rehberger, Reinhard, Riedling, Riedinger, Stammler, Schmich, Schork, Stumpf, Schröder, Treiber, Weingärtriet, Weidner. Wannemacher.
Doch nie erschöpfte sich die Vereinsarbeit allein in der Ausübung des Sporttreibens. Es gab festliche Höhepunkte wie etwa die Fahnenweihe im Jahre 1895, die als echtes Dorffest beeindruckende Akzente gesetzt hatte. In der Folge vereinten sich die Dossenheimer Turner unter dieser Fahne dann auch bei vielen außerörtlichen Sportveranstaltungen. "Dabei sein" hieß die Parole, so für das Deutsche Turnfest in Leipzig im Jahre 1907 wie auch für viele Kreis-, Bezirks- und Gauturnfeste, die den Teilnehmern kostspieligere und umständlichere An- und Abfahrten als heute abverlangten.
Gebietsüberschreitende Kontakte weckten aber auch neue Wünsche. Hieraus resultierte auch die Gründung einer Frauen-Turnabteilung im Jahre 1910, was der damaligen Männergesellschaft sicher einen Schock versetzte. Zuvor aber, im Jahre 1904, hatte man den Bau einer eigenen Turnhalle mit - wie sich später herausstellte - zu großer Euphorie verwirklicht. Für Bauplatz und Turnhalle waren Kosten in Höhe von 3.000 Mark veranschlagt; die Abrechnung erforderte 6.000 Mark.
Diese Kostenverdoppelung schockte den damaligen Vorstand, der mit einem Bittbrief vom 28. Juli 1908 das Bürgermeisteramt um Hilfestellung bat:
Die Gemeinde plante in dieser Zeit den Neubau eines Schulhauses. Die "Germania" erbat vorerst deshalb auch keine geldliche Unterstützung, sondern schlug vor: Die Turnhalle wäre als Turnplatz für die Schulkinder sehr geeignet. da genügend Gelände vorhanden ist und die Halle bei ungünstiger Witterung benützt werden kann. Weiter eignet sich dieselbe zur Abhaltung von größeren Versteigerungen, Impfungen etc. ...Der Gemeinderat wolle beschließen, die Turnhalle um den noch zu vereinbarenden Preis käuflich auf die Gemeinde zu übernehmen..."
Die Bittschrift endete mit der Anmerkung, daß
... durch die evtl. Übernahme der Turnhalle seitens der Gemeinde hiesige Bürger, die sich in uneigennütziger Weise für die Sache geopfert haben, von größerem Schaden bewahrt würden."
Kurz und bündig traf die Antwort der Gemeinde am 10. August 1908 ein:
"Mit Rücksicht auf die Äußerungen der zuständigen Behörde kann der Gemeinderat dem Gesuch zum Ankauf der Turnhalle nicht entsprechen. Das Gesuch mußte deshalb abgelehnt werden."
Es ist anzunehmen, daß die Turnratsmitglieder mit dem Bittbrief vom 12. Aug. 1908 ("Der Turnverein bittet um eine laufende Unterstützung") noch soviel Erfolg hatten, daß die Turnhalle bis zum Ausbruch des Weltkrieges für den vereinseigenen Turnsport noch benutzt werden konnte. Nachzulesen ist lediglich, daß die Turnhalle während der Kriegsjahre verwahrloste und 1919 schließlich abgebrochen werden mußte.
Doch noch weitere, nicht unbedingt beifällig aufgenommene Überraschungen hielten die Aufbaujahre der "Germania" in Atem. Im Jahre 1900 wurde in Dossenheim der "Athletenclub Badenia" aus der Taufe gehoben, der aber mit seinen Vereinszielen weniger zur "Germania" konkurrierte. Dieser Verein, der auch nach fünfjähriger Existenz stolz seine Fahnenweihe vollziehen konnte, führte sein Eigenleben und hinterließ in der Chronik der "Germania" keine weiteren Spuren.
Wesentlich kommentarreicher entwickelte sich dagegen im Jahre 1909 die Gründung eines zweiten Turnvereins in Dossenheim. Einige Aktive hatten die "Germania" verlassen und den "Turnerbund Einheit" ins Leben gerufen. Und nicht genug damit: 1912 macht die Gründung eines dritten Turnvereins in Dossenheim von sich reden. Die neugegründete "Turngenossenschaft" lud zum Beitritt ein! Drei Vereine mit gleichen Zielen... aber auch mit gleichen Wünschen und Ansprüchen... warben nunmehr um Mitglieder.
Man hatte seine eigenen Vereins- und Obungslokale, der "TV Germania" im "Adler", der "Turnerbund Einheit" im "Badischen Hof" und die "Turngenossenschaft" in der "Rose". Darüber hinaus waren Überschneidungen nicht vermeidbar und Probleme, die auch auf die politische Gemeinde zukamen, waren vorprogrammiert. So beschwerte sich z. B. ein Hauptlehrer im Mai 1914:
"Ich ersuche dringend, daß die Turnübungen der Turnvereine im Schulhof am Sonntagvormittag von 5-7 Uhr untersagt werden, da ich absolut nicht willens bin, die Störungen, vornehmlich durch das Steinstoßen, direkt vor dem Fenster meiner Wohnung, weiterhin zu dulden."
Das Bürgermeisteramt hatte auch zu schlichten, als sich das ev. Pfarramt im Juli 1909 über einen vorbeiziehenden Festzug mit Blasmusik während des Gottesdienstes beschwerte.
Und auch der Turnverein"Germania" mußte im Juni 1914 daran erinnert werden, daß "nach landesherrlicher Verordnung. Schau- und Darstellungen, zu denen das Preis-Wett-Turnen zu rechnen ist, für die Dauer des vormittäglichen Gottesdienstes an den Sonntagen untersagt sind..."
Dieses und mehr entwickelte sich dann aber urplötzlich ganz anders, als man es sich erhofft hatte. Der Turnverein "Germania" unter dem Vorsitz von Jakob Riedling VII stand mitten in den Vorbereitungen für das 25jährige Vereinsjubiläum, welches man Mitte Juni zu veranstalten beabsichtigte, als sich die Angst vor einem drohenden Krieg ausbreitete. Doch noch konnte man sich der Festivitäten erfreuen. Festdamen, Vorstand und Aktive stellten sich dem Fotografen, die Genehmigung zur Benutzung des Gemeindeplatzes am Friedhof zur Ausweitung des Stiftungsfestes zum dörflichen Volksfest lag vor.
Kaum war das Fest vertauscht, da fielen die verhängsnisvollen Schüsse in Sarajewo. Die Generalmobilmachung am 1. August 1914 legte den friedlichen Alltag und damit alle Zukunftspläne für die Entwicklung des Vereinslebens lahm.
Nunmehr ruhte auch der Turnbetrieb weitgehend bei allen drei Turnvereinen in Dossenheim.